Gott ist tot, aber Jesus lebt noch

Wie Nietzsche vor über 120 Jahren postulierte ist Gott tot. Er beschrieb damit den Erfolg der Aufklärung und den teilweisen Erfolg der von Marx verordneten Religionskritik. Obwohl damals fast alle formal einer der großen europäischen Religionsgemeinschaften angehörten, war der kindliche Glaube an den Gott im Himmel, der die Menschen beschützt und bestraft, erloschen. Immer mehr Europäer verabschiedeten sich stillschweigend auch aus den Kirchen und Synagogen, lehnten die Gemeinschaftlichkeit (ihre Gemeinde) ab, da sie ein Zusammengehörigkeitsgefühl auf Basis des Irrationalen nicht mehr hinnehmen wollten.

Nietzsche erkannte den somit aufkommenden Nihilismus. Teilweise begrüßte er die Abschaffung alter christlich basierter Werte, teilweise beklagte er den Verlust von Werten. Er bezeichnete selbst die verbliebenen Formal-Christen als Nihilisten. Er war überzeugt, dass mit dem Wegfall der Grundlage des Glaubens auch die christliche Moral unwiederbringlich verloren sei. Während Hegel und Pascal der simplen Abwesenheit von Gott keine weitere Bedeutung zumaßen, dachte Nietzsche darüber nach was an Gottes Stelle treten kann. Er fragte sich ob nicht der Mensch selbst Gott werden könnte und erfand den Übermenschen, der den Nihilismus überwindet um damit dem Menschsein und der Gemeinschaft einen neuen Sinn gibt. Nietzsche gab sich jedoch nicht der Marxschen Ideologie einer klassenlosen Gesellschaft hin, sondern definierte diejenigen die den Willen zur Macht besaßen als die neuen Übermenschen und implizit alle anderen als Untermenschen, Nicht-Erkennende, willenlose schweigende Schafherde die geführt werden will.

Der Übermensch wurde und wird mehrfach ge- und missbraucht. Die Nazis definierten ihn als Arier, der den Auftrag und die Verpflichtung habe die Welt zu führen. Die Neoliberalen adaptierten ihn klammheimlich als Definition ihrer eigenen Elite, hüten sich aber davor die 99% als Untermenschen oder Schäfchen zu bezeichnen.

Die sich im Wesentlichen auf das alte Testament beziehenden Kardinaltugenden (Besonnenheit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Standhaftigkeit) werden heute kaum noch beachtet, während die neutestamentlichen theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Barmherzigkeit) eine Renaissance erleben. Das ist an den „refugee welcome“ Plakatträgern zu sehen, die gottesfürchtige Menschen welche in der Hoffnung auf ein besseres Leben kommen barmherzig aufnehmen wollen. Leider fehlt den Hurra-Schreiern die Weisheit und Besonnenheit die Folgen ihrer Aktionen abschätzen zu können; der Sinn für Gerechtigkeit und Fairness bei der Abwägung von Interessen der Migranten und der einheimischen Bevölkerung; der Sinn für Mäßigung dass man eben nur so viele rein lässt wie man verkraften kann; und die Fähigkeit der Bedrohung durch die Islamisten standhaft entgegen zu treten und eigene Werte zu verteidigen. Glaube an irgend etwas, Hoffnung auf irgend etwas und Barmherzigkeit gegenüber jedem der laut genug klagt sind, wie Nietzsche schon erkannt hat, Restbestände des christlichen Nihilismus. Die Protestanten-Tochter und Obermutter der Nation weiß dies vortrefflich für sich auszunutzen. Deshalb sage ich in der Überschrift „aber Jesus lebt noch“.

Anders als Nietzsche versuchte die Frankfurter Schule einen kulturellen Gegenentwurf um das nihilistische Loch durch den Tod von Gott zu füllen. Insbesondere Habermas beschäftigt sich damit in „Der philosophische Diskurs der Moderne“.

Aus Wikipedia:

Modern“ sind für Habermas Gesellschaften, in denen die tradierten Weltbilder – die ihre Grundlage insbesondere in den Religionen haben – ihre Fähigkeit verloren haben, verbindliche Lebensdeutungen und normative Handlungsorientierung glaubwürdig zu vermitteln, und die infolgedessen gezwungen sind, „ihre Normativität aus sich selber [zu] schöpfen“ (DphDdM, S. 16). Zu ihrer „Selbstvergewisserung“ und „Selbstbegründung“ (DphDdM, S. 17) ist es notwendig, ein Prinzip zu finden, das ein „Äquivalent für die vereinigende Macht der Religion“ (DphDdM, S. 105) darstellt. Dieses Prinzip muss als das der gesellschaftlichen Modernisierung der Neuzeit selbst „innewohnende Prinzip“ (DphDdM, S. 46) ausgewiesen werden und die stabilisierenden Funktionen der alten Religionen übernehmen können.

Habermas zieht den Schluss, dass die Durchführung des Hegelschen Programms einer Selbstbegründung der Moderne aus Vernunft immer noch möglich und wünschenswert ist. Allerdings muss der zugrunde gelegte Vernunftbegriff einer Revision unterzogen werden. Nicht die subjektzentrierte Vernunft, sondern einzig die „kommunikative Vernunft“ ist geeignet, die zugedachte Begründungsfunktion erfolgreich zu übernehmen (DphDdM, Kapitel XI).

Aus meiner Sicht sind praktisch alle Vertreter der Frankfurter Schule verkappte Religionsgründer. Habermas ist laut Prof. Rainer Mausfeld so weit links wie man im deutschen politischen Diskurs noch gehen darf. Nun haben es die Frankfurter nie geschafft eine neue eigene Ersatz-Religion zu entwickeln. Jetzt stimme ich Habermas zu wenn er sagt „Es ist notwendig ein Prinzip zu finden, das ein „Äquivalent für die vereinigende Macht der Religion“ darstellt.“ Allerdings denke ich nicht dass eine Ersatz-Religion die dem kulturellen Marxismus entstammt sich jemals dauerhaft etablieren kann. Was die Erben der Frankfurter Schule bisher – vielleicht teilweise ungewollt – hervorgebracht haben ist die Religion des Feminismus und Genderismus. Mit den dort entwickelten Methoden der kritischen Theorie lässt sich alles und jeder vernichten.

Ein geeigneter Ansatzpunkt für die Entwicklung einer neuen Philosophie wären die christlichen Kardinaltugenden (Besonnenheit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Standhaftigkeit). Die theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Barmherzigkeit) sollten wir über Bord werfen, da sie dem Selbsterhaltungstrieb der Menschen und Völker widersprechen. Diese Philosophie böte auch eine Chance die atheistischen Christen und Juden in Europa zu vereinen, und schlussendlich sogar atheistische Muslime zu integrieren.

 

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