23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen

ist ein Buch aus dem Jahr 2010 des Wirtschaftswissenschaftlers Chang Ha-joon. Es ist eine unterhaltsam geschriebene und ohne spezielles Wirtschafts-Fachwissen lesbare Analyse vieler Aspekte der Neoliberalen Wirtschaftsordnung, die uns derzeit so große Probleme bereitet. Es de-mystifiziert die von der Presse und den Politikern unreflektiert nachgeplapperten Schlagworte der allgegenwärtigen Wirtschafts-Experten. Die Illusion einer freien Marktwirtschaft wird bloßgestellt; er zeigt auf dass wir einfach zu doof sind um dem freien Markt seinen Lauf lassen zu dürfen. Herr Chang sieht sich an, welche Volkswirtschaften erfolgreich gewachsen sind und zeigt auf, dass diese nicht von Ökonomen (oder Wirtschaftsweisen) sondern von Rechtsanwälten, Naturwissenschaftlern und Ingenieuren gestaltet wurden. Insbesondere die Ökonomen aus der Finanzbranche bekommen ihr Fett weg. Leider sind seine Vorschläge am Ende des Buches, wie man es besser machen könnte, nur halb-weit geworfen, zu diffus und für meinen Geschmack zu sozialistisch angehaucht.

Was das Buch interessant macht ist, dass es eben nicht – wie so viele – von „Links“ geschrieben wurde. Chang stellt gleich zu Anfang klar, dass er kein Marxist oder Sozialist, sondern ein Verfechter des Kapitalismus ist. Der ideologische Schmus der universitären Wirtschaftslehre bleibt einem somit erspart. Was mich vor allem nervt ist die Unlogik der Neoliberalismus-Gläubigen Neo-Linken, was dann meist zu kontraproduktiven Maßnahmen führt die unsere Probleme eher verschärfen als lösen. Chang deckt diese Pseudo-Argumente glasklar auf, was beim Leser dazu führt, dass er die verlogenen Dummschwätzer in Politik und Presse leicht erkennt. Ich gehe auf einige Punkte etwas detaillierter ein.

In seinem ersten Punkt räumt Chang mit der Illusion auf, dass es so etwas wie einen freien Markt gibt. Jeder Markt, rund um die Welt ist reguliert. Die Selbsttäuschung ist, dass man die gewohnte Regulierung (wie z.B. das Rückgaberecht) gar nicht als Einschränkung einer Freiheit mehr wahrnimmt, weil man sich daran gewöhnt hat oder mit der Regel aufgewachsen ist. Die Regelungen sind von Land zu Land unterschiedlich. Die Löhne und der Zinssatz sind fast ausschließlich politisch geregelt und da von diesen beiden Faktoren alles andere abhängt, sind damit auch alle Preise politisch geregelt. Deshalb sind natürlich „free trade agreements“ wie TTIP usw. wirtschaftspolitische Vereinbarungen. Die haben gar nichts mit freiem (unreguliertem) Handel zu tun, sondern stellen den Handel zwischen zwei oder mehr Ländern auf eine gemeinsame Rechtsbasis, eine Regelung. Das Gejammere der Neoliberalen, dass der Markt/Handel nicht frei genug ist bezieht sich immer auf eine Regelung die denen nicht passt (d.h. verhindert dass sie sich dumm und dämlich verdienen, bzw. verhindert dass sie einen Konkurrenten ausschalten können) oder auf eine Regelung die sie haben wollen, um aufstrebende Konkurrenten zu behindern. Mit anderen Worten, es geht darum den Protektionismus der anderen zu verhindern und den Protektionismus für die eigene Firma, Volkswirtschaft usw. zu verbessern.

Der Freiheitsgrad der Märkte und des Handels wird also politisch vereinbart. Was Chang etwas außen vor lässt ist, dass Politik eben immer Gefahr läuft Ideologie, Irrationalismus und Korruption in den Regelungen zu verewigen. Auch die Fragen, was Über- und Unterregulierung verursacht und welche Auswirkungen dies hat werden nicht ausführlich erörtert.

In seinem dritten Punkt erklärt Chang warum die Leute in reichen Ländern unverhältnismäßig hoch bezahlt werden. Es ist eine der vielen Produktivitäts-Lügen die der Allgemeinheit nicht so bewusst sind. Er erklärt es an dem Beispiel, dass ein Busfahrer in Schweden 50 mal so viel verdient wie ein Busfahrer in Indien, obwohl beide den gleichen Job mit gleicher Effizienz machen. Die hohen westlichen Löhne werden aber immer damit begründet, dass die Leute hier nun mal produktiver sind; man hat dies bei der kürzlichen Diskussion der „faulen Griechen“ auch durch die Presse gezogen. Produktivität ist aber keine primäre Funktion der Faulheit oder Fleißigkeit der Arbeiter, sondern hängt vor allem vom Automatisierungsgrad ab. Ein afrikanischer Schmied der ein Eisenteil per Hand in Form schmiedet ist wohl fleißiger als ein Deutscher der parallel 4 Schmiedeautomaten bestückt und bedient. Trotzdem ist letzterer deutlich produktiver, selbst wenn ersterer ggf. viel mehr über Eisen und das Schmieden weiß. Wie viel Lohn er erhält hängt von dem Land ab in dem er es tut. Auch wenn der Afrikaner in Afrika Schmiedeautomaten zur Verfügung hat verdient er wesentlich weniger als sein westlicher Kollege, bei gleicher Produktivität.

Es ist aber nicht nur die Automatisierung der Produktion, die den Ausschlag gibt, sondern auch die Infrastruktur des Landes und der Gesellschaft. Manch ein mutiger – und meist nur kaufmännisch geschulter – Manager, der die Produktion ins Billiglohn-Ausland verlagerte hat sich nachher gewundert warum das Produkt dann teurer wurde und ewig nicht lieferbar war. Die hohen Verdienstmöglichkeiten im Westen rühren daher, dass die vorangegangenen Generationen bereits eine effiziente Volkswirtschaft, Infrastruktur, Bürokratie, usw. aufgebaut haben, auf deren Basis wir vielfach erheblich produktiver sein können als Länder der 3. Welt.

Chang ist über-optimistisch wenn er behauptet, dass beliebige Arbeiter aus aller Welt den Großteil unserer Jobs im Westen einfach übernehmen könnten und mit einem Bruchteil des Lohns zufrieden wären. Dass dem nicht so ist sieht man ja derzeit an der Invasion der ‘Kulturbereicherer’. Viele können selbst in ihrer Muttersprache weder lesen noch schreiben, geschweige denn in Deutsch. Und wer im schwarzen Kartoffelsack gekleidet ins Büro kommt, 5 Mal am Tag Gebetspausen einlegt, einen Monat lang im Jahr vor Hunger keinen klaren Gedanken fassen kann, usw., der wird nie so effizient wie Tante Erna, Marke Biodeutsch. Dennoch hat Chang Recht wenn er sagt dass hauptsächlich die Begrenzung der Immigration den Westen davor schützt, uns mit noch niedrigeren Löhnen zufrieden geben zu müssen. Genau aus diesem Grund lieben aber die Neoliberalen offene Grenzen und ungezügelte Immigration.

Das einzige was den Westen reicher macht als die 3. Welt, ist die Intelligenz unserer Eliten. Die der toten Eliten genauso wie die der Lebenden. Man sieht das deutlich an der Anzahl der Erfindungen und Patente. Mit wenigen Ausnahmen kommt das alles aus Ländern mit einem Durchschnitts-IQ von über 100. Der „Ease of doing business index“ der Weltbank ist auch ein Indikator für den Grad der Unterstützung bzw. der Behinderung der die lokale Bürokratie einem Unternehmen zukommen lässt. Leider ist der Index durch neoliberale Indikatoren etwas verfälscht.

Besonders amüsant finde ich Punkt 4, in dem er beschreibt warum die Waschmaschine die Welt mehr verändert hat als das Internet. Amüsant deshalb, weil ich ja auch des öfteren auf der Waschmaschine rumhacke; einmal um den Linken die Rechte Sichtweise auf Progressivismus zu erklären, zum anderen um zu erklären wie es zu einer breiten Feminismus-Welle kommen konnte. Ich hatte ja schon beschrieben dass meine Oma-Generation im Haushalt noch vollbeschäftigt war. Mit Elektrizität, Wasserleitungen, Zentralheizungen und Haushaltsgeräten (wie die Waschmaschine) konnten Hausfrauen ihre Arbeit in weniger als der Hälfte der Zeit erledigen. Durch diese Haushalts-Automatisierung wurde der Arbeitsmarkt für Haushaltshilfen und Kinderschwestern (die armen Frauen, die schon immer arbeiten gehen mussten) radikal reduziert. Gleichzeitig haben nun aber praktisch alle Frauen (auch mit Kind) genug Zeit um außerhäuslich arbeiten zu gehen. Für Unternehmer hat sich das Angebot an Arbeitskräften also nahezu verdoppelt.

Das Internet dagegen brachte bisher nur marginale Produktivitäts-Fortschritte. Die Frauen fangen so langsam an zu begreifen, dass das ‘Geld verdienen’ zwar toll ist, der „Arbeiten gehen“ Teil vom Geld verdienen aber meist ziemlich Scheiße ist. Im Internet tummeln sich dann die Feministinnen und träumen davon die dicke Kohle mit der Frauenquote zu machen, ignorieren aber gerne dass sie dafür wirklich hart arbeiten müssten.

Gefährlich wird der Internet-Hype vor allem bei den Politikern, die oft keinen blassen Schimmer haben was das Internet eigentlich ist. Die meinen das wäre die magische Geldquelle, die uns für Generationen ernährt. Vor allem amerikanische und englische Politiker meinten, dass wenn man das ganze Geld zwischen Wall Street und City of London mit Lichtgeschwindigkeit hin und her schickt, der Reichtum nicht mehr aufzuhalten ist. Diese doofen stinkenden Fabriken, die echte Produkte herstellen, die mag man in diesen Kreisen nicht mehr. Die können die Chinesen und Mexikaner haben, was soll’s. Kapitalismus funktioniert aber nur mit in Sachgütern und Arbeit investiertem Kapital. Die Selbstvermehrung von Kapital in Optionsscheinen usw. ist reiner Betrug der reichen Neoliberalen am Rest der Welt.

Eine interessante Aussage ist in Punkt 17: Bildung alleine macht ein Land nicht reich. In seinen Studien fand er kein Land in dem ein direkter Zusammenhang von mehr Hochschulausbildung zu erhöhtem Wohlstand nachweisbar ist. Obwohl die Politiker damit werben dass jeder die bestmögliche Bildung erwerben soll, hat das keine positiven wirtschaftlichen Ergebnisse. Im Gegenteil, durch die Einschreibung von inzwischen knapp 50% der Schüler in Unis steigen nur die Kosten. Es liegt daran, dass die Bildung nicht zu Produktivitäts-Fortschritten führt und auch gar nicht darauf hinzielt. Schreiben, Lesen und Rechnen muss jeder können, aber das reicht auch schon um die meist einfachen Aufgaben in den meisten Berufen zu erfüllen. Die Unis hatten immer die Funktion der Elitenauswahl; man wollte die mit den höchsten IQs, dem höchsten Lern- und Arbeitswillen und Talent zur Selbstorganisation herausfiltern um sie für die höchsten Positionen in der Gesellschaft und den Firmen zu qualifizieren. Wenn aber eine Inflation der Uni Abschlüsse stattfindet wie in jüngster Zeit, ist deren Aufgabe der Elitenauswahl verfehlt. Die Vermittlung von Fachwissen findet eh viel mehr on-the-job statt als auf einer Schule oder Uni. Bildung ist sicher etwas Schönes und bereichert das Leben, es hilft aber weder im Beruf noch der Wirtschaft. Insbesondere ist die Inflation der Absolventen der Geisteswissenschaften kein Vorteil für eine Volkswirtschaft sondern ein Nachteil durch die zusätzlichen Kosten.

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Wie ihr merkt will ich nicht sämtliche 23 Punkte des Buchs besprechen, sondern habe mir nur ein paar heraus gegriffen, die mir besonders aufgefallen sind. Den Rest bitte selber lesen :

https://www.amazon.de/L%C3%BCgen-die-%C3%BCber-Kapitalismus-erz%C3%A4hlen/dp/3442157285

Wer das viele Geld für das Buch nicht ausgeben möchte kann ja mal den Buchtitel mit PDF bei Google suchen oder findet das ein oder andere Youtube Video dazu. Mein Artikel basiert auf der englischen PDF Version, die mir auf die Festplatte geflattert ist.

 

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