Jordan B. Peterson verstehen (Teil 1)

Um sich in die Gedankenwelt des Psychologen Jordan B. Peterson einzuarbeiten muss man schon so an die 100 Stunden aufwenden und ggf. noch mal genauso viel Zeit um sein Buch „Maps of meaning“ halbwegs nachzuvollziehen, was ich bereits getan habe (derzeit bin ich dabei mir über 200h Robert Sapolsky reinzuziehen). Wer seine Quellen – Piaget, Jung, Nietzsche, Dostojewski, Solzhenitsyn, usw. – dazu noch lesen will ist die nächsten 20 Jahre beschäftigt (wozu meine Restlebenszeit nicht mehr reichen würde). Es mag verführerisch erscheinen mal drei 5 Minuten Videoclips auf YouTube von ihm anzuschauen und ihn danach zu beurteilen, aber das kann höchstens als Anregung dazu dienen, sich intensiver mit ihm zu beschäftigen.

Der Anlass für diese Serie war die ausufernde Diskussion unter einem einfachen Video repost von EvoChris. Natürlich sind die unverbesserlichen Neomarxisten gleich auf den Zug aufgesprungen (Juhuu, die Rechten sind dumm) und haben Peterson gleich mal zum bösen Rechten gestempelt. Einzig Kommentator (lh) blieb bei den Fakten und hat Peterson extensiv gehört bzw. gelesen.

Der virale Erfolg von Peterson ist schier unglaublich. Er hat innerhalb von nicht mal einem Jahr seine Fangemeinde von einigen hundert Psychologiestudenten auf einige hunderttausend oder sogar Millionen Leute weltweit ausgedehnt. Wenn man dann noch bedenkt, dass der virale Erfolg damit anfing, dass er sich über einen kanadischen Gesetzentwurf in Bezug auf Gender-Pronomen aufgeregt hat, wundert man sich noch mehr. Selbst relativ bekannte Professoren wie z.B. Jonathan Haidt (Professor für Sozialpsychologie, NY) oder Steven Pinker (Professor für Psychologie, Harvard), stellt er derzeit in den Schatten, und selbst manch recht erfolgreicher Musiker schaut neidvoll auf die Millionen von views, die Peterson auf YouTube erreicht, selbst Ausschnitte auf völlig unbekannten Kanälen.

Ich möchte hier einige Grundlagen von Petersons Psychologie und Philosophie beleuchten, die m.A. für das Verständnis seiner Aussagen absolut notwendig sind, die bei mir einen Aha-Effekt ausgelöst haben, oder wo ich mit sagte „nach endlich erklärt das mal jemand allgemeinverständlich“. Es geht um die menschliche Wahrnehmung (Teil 1), die Funktion und die Fallen als Problemlöser, Hierarchien, Mythen und die Konzeption von Gott.

Perzeption (Wahrnehmung)

Peterson postuliert, dass jeder nur die Dinge wahrnimmt, die ihm gerade wichtig für die Lösung eines Problems erscheinen. Er gibt viele Beispiele, wie sich das manifestiert. Es ist ja eine Binsenweisheit, dass wir nur in einem bestimmten Spektrum sehen, hören, riechen usw. können. Aber obwohl wir in diesem Spektrum z.B. alles sehen können, fokussiert sich der Blick der Augen unwillkürlich auf die Objekte, die zur Problemlösung beitragen oder der Lösung im Weg stehen. Wenn ich aus einem Raum heraus will, suchen die Augen nach einer Tür und ignorieren erst mal alles andere. Wurde die Tür gefunden, konzentrieren sich die Augen darauf einen Weg zu finden zwischen dem eigenen Standort und der Tür. Wenn das Hirn nun einen Weg kartographiert fokussieren die Augen auf eventuell im Weg stehende Hindernisse, die vorher ignoriert wurden. Sobald man es nach draußen geschafft hat und nach z.B. der Farbe der Wände, der Anzahl der Bilder oder des Musters des Fußbodens befragt wird, weiß man darüber meist nichts (außer es ist ein unveränderter Raum, den man schon länger kennt). Ein schönes Beispiel ist das Experiment mit dem unsichtbaren Gorilla.

Aber selbst wenn man nur gelangweilt irgendwo rumsteht nimmt man die Dinge die man sieht nicht unbedingt in ihren detaillierten Eigenschaften wahr, sondern meist anhand ihres Nutzens. Ein großer Stein mit flacher Oberfläche, ein großer ‘bean bag’, ein Stuhl, ein Sofa, usw. wird als Sitzgelegenheit wahrgenommen, wenn man sich demnächst mal hinsetzen will. In dieser Situation nimmt man den bean bag (falls er aus richtigen Bohnen besteht) nicht als potentielles Nahrungsmittel wahr und den Stuhl nicht als Brennholz. Diese unbewusste Voreingenommenheit (Bias) ist sogar physiologisch messbar, wenn man z.B. etwas betrachtet was man in die Hand nehmen kann versetzt das Hirn und Nervensystem die Hand schon mal in Bereitschaft zuzugreifen.

Man steht also z.B. in der Nähe einer Bank, wo der Geldautomat gerade die Bankkarte gefressen hat, da das Konto notorisch überzogen war und starrt ins Leere, um darüber nachzudenken was man jetzt tun soll. Plötzlich kommt eine hypersensible Wachtel mit rot-grünen Haaren angestürmt und gilft einen an, dass man sie gefälligst nicht so abwertend anstarren soll. Diese beiden völlig unterschiedlichen Wahrnehmungen der Situation kann man unmöglich miteinander vereinen. Oder nehmen wir das vorherige Beispiel, in dem man eine Tür sucht um nach draußen zu kommen, nur zusätzlich liegt ein ohrenbetäubender Feueralarm vor und in der hintersten Ecke des Raumes liegt ein Baby. Wenn der Raum nun abbrennt und man sich vor Gericht verantworten muss das Baby nicht gerettet zu haben, viel Glück dabei dem Richter zu erklären, dass man es einfach nicht gesehen hat.

Zum einen ist die die uns Menschen eingebaute fokussierte Wahrnehmung nützlich und notwendig um Probleme zu lösen andererseits übersehen wir deshalb vieles was vielleicht wichtig wäre.

Diese eingrenzende, auf Problemlösung fokussierte und vermeintlich Unwichtiges ausschließende Wahrnehmung ist nicht auf die praktischen Dinge des Alltags eingeschränkt, sondern gilt auch für gesellschaftliche Konzepte. Der eingeschworene Sozialist/Marxist übersieht, dass seine kuschelige Doktrin der Ergebnisgleichheit, den meisten Menschen jegliche Leistungsmotivation nimmt. Der hippe Anarchokapitalist mag nicht wahrhaben, dass der strunzfaule Nachbar lieber alles dran setzen wird einem den Bauch aufzuschlitzen und alles zu klauen, als auch nur einen Gedanken an Arbeit zu verschwenden.

Jetzt kann man natürlich auf die tolle Idee kommen, dass man „nur mal die andere Seite sehen muss“, um sich die Perzeption anderer Menschen zu eigen zu machen. Dazu haben geschäftstüchtige Psychologen Anti-Bias Trainings erfunden, die seit einigen Jahren wie warme Semmeln an Großfirmen und Institutionen teuer verkauft werden. Wie Peterson beschreibt sind diese Trainings absolut nutzlos, wahrscheinlich aber eher schädlich. Der Bias, die Voreingenommenheit ist ja nicht aus bösem Willen vorhanden, sondern er/sie ist in jedem Menschen vorhanden weil das nützlich ist. Wenn man eine spitzen Felsen als Stuhl wahrnimmt ist das eben völlig unnütz, da man sich beim Hinsetzen „den Arsch aufreißt“; ein Adler sieht den spitzen Felsen als Jagdsitz ganz anders.

Ähnlich sind die teilweise abstrusen Wahrnehmungsexperimente der Feministinnen, wie „walk in my shoes for a day“ zu betrachten. Klar, man kann als Mann versuchen mit hochhackigen Schuhen einen Tag durch die Gegend zu stolpern. Das einzige was die meisten Männer bei diesem Experiment lernen ist, dass hohe Schuhe völlig unzweckmäßig, gefährlich für Leib und Leben und eine total bekloppte Erfindung sind. Hochhackige Schuhe sind für Männer völlig nutzlos (außer für Schauspieler, Transen usw.). Für Frauen ist der Nutzen, dass die durchschnittlich kleinere Körpergröße gegenüber Männern ausgeglichen werden kann, und, nicht zu vergessen, der Arsch knackig aussieht. Es ist zwar für Männer gut zu wissen, dass man in solchen Schuhen sehr wackelig unterwegs ist, aber es gibt keinen Grund deswegen für die Schuhwahl von Frauen eine besondere Sympathie zu entwickeln oder hinzunehmen dass Frauen nicht mehr als 20 Meter in den Dingern laufen wollen. Der männliche Bias, dass diese Stelzen dysfunktional sind wird sogar noch erhöht, wenn man den Männern im Training aufschwatzen will, dass Frauen, wegen der Schuhe halt zickig Auto fahren, und das aber als gleichwertig zu normalem Autofahren akzeptiert werden muss.

Es gibt auch ein Experiment wo sich eine (lesbische) Frau zu Mann umstylt und sich dann versucht wie ein Mann unter Männern zu verhalten. Zumindest wurden eine ganze Menge ihrer Misperzeptionen über Männer ins Gegenteil umgekehrt. Endergebnis klinische Depression. Auf die Frage ob Frauen jemals verstehen können wie ein Mann sich fühlt sagt sie : Nein, niemals. Sie will auch nie ein Mann sein und sich wie ein Mann verhalten müssen, denn das wäre für sie als Frau ziemlich nutzlos.

Fazit: Es ist zwar ganz sinnvoll sich mal in die Position eines anderen zu begeben, es erweitert die Wahrnehmung und es führt ggf. sogar zu besseren Problemlösungsstrategien, es ändert aber nicht wer man ist. Es gibt auch keine Möglichkeit der allumfassenden Wahrnehmung, das gibt unser kleines Hirn und unsere Biologie gar nicht her. Wir müssen mit unendlicher Komplexität und unseren Defiziten leben und das Beste draus machen.

Man kann das ansatzweise mit einem komplexen Computerspiel vergleichen, bei dem man eben nicht mit der einen Waffe in der Hand immer nur vorwärts rennt, mal stehen bleibt und nach einiger Zeit am Ziel ist. Durch die Erweiterung der eigenen Wahrnehmung, durch Lernen aus Fehlern, kann man die eigene Problemlösungskompetenz verbessern. Wenn man im Spiel lernt, dass man in Cave4 den Blitzelstern nicht findet, sondern erst nach Cave7 geht (nicht nach Cave5) um dort den Zauberring aufzunehmen, dann den Drachen in Cave6 besiegt um danach in Cave5 mit der Prinzessin weitermachen zu können ist das eine neu erlernte Problemlösungsstrategie, die man evtl. zukünftig wieder verwenden kann. Wenn man aber nur die Prinzessin wahrnimmt, Zauberring und Blitzelstern ignoriert, wird man halt vom Drachen gefressen.

Besonders fies finde ich Anti-Rassismus oder Anti-Sexismus Bias Trainings, in denen man mit einer Gleichheits-Ideologie indoktriniert wird, die aber der praktischen Wahrnehmung im täglichen Leben völlig widerspricht.

[Ende Teil 1]

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6 thoughts on “Jordan B. Peterson verstehen (Teil 1)

    1. Ich bin ja ueber sinnvolle Kommentare erfreut, auch wenn sie mir widersprechen. Dieses allgemeine Auskotzen faellt aber nicht darunter. Entweder kommst Du jetzt mit einer praezisen Kritik, die Hand und Fuss hat oder Du laesst diesen Quatsch.

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      1. Gut so. Blogs mit Kommentaren bringen es nur, wenn die Teilnehmer sich um eine gewisse Qualität bemühen. Wir alle haben besseres zu tun, als unsere Zeit mit Quatsch zu verschwenden.

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