Männer waren mal ganz lieb

Hallo kleine Anna. Opa bringt dich heute von der Schule nach Hause. Deine Mama hat keine Zeit. Sie muss arbeiten. Irgend was unheimlich wichtiges von wegen Budget und Nachkommastellen oder so. Komm, wir machen uns einen schönen Nachmittag.

Du kannst einem aber ein Loch in den Bauch fragen, Anna. Warum sind die Jungs in der Schule so blöd, obwohl sie doch früher ganz lieb waren? Darüber muss ich erst mal nachdenken. Wie waren die Jungs denn, als sie noch lieb waren? Die haben euch mit euren Puppen spielen lassen, und mit dem Kaufmannsladen. Die haben sich nicht eingemischt und sich entschuldigt, wenn sie euch mal aus versehen umgerannt haben, ach so. Gut, gut, und was macht sie jetzt so blöd? Was, die sitzen nur da rum, sagen nichts und stören euch auch noch? Na sowas.

Warum sagen die denn nichts? Die Lehrerin meint also dass alles was die Jungs sagen eh falsch ist. Na kein Wunder, dass die nichts mehr sagen, oder? Du meinst die sollen aber die richtigen Antworten geben, sonst sind sie blöd. Naja, schlechte Noten kriegen die auf jeden Fall, wenn die falsch antworten. Ist das nicht genug? Hmmm, die geben absichtlich falsche Antworten sagst Du? Warum sollten die das tun? Ach so, weil sie blöd sind.

Gib mir doch mal ein Beispiel, kleine Anna. OK, die Mathe-Aufgabe ist: Ein transsexueller Blumenhändler hat ein schwules syrisches Ehepaar als Kunden und stellt ihnen einen Strauss zusammen. Zehn Moosröschen a ein Euro, 4 Veilchen a zwei Euro und etwas Grünzeugs für nochmal 2 EUR. Die beiden zahlen mit einem 20 EUR Schein und wollen den Laden verlassen. Was sollte nun passieren?

Na, grübel, überleg, kopfrechnen, gar nichts passiert, denn die haben ja korrekt bezahlt, hab ich recht? Freudestrahlend erklärt mir Anna, dass ich halt nicht blöd bin, und die Antwort korrekt ist. Was sagen jetzt die Jungs und warum antworten die absichtlich falsch? Die Jungs antworten immer: „BOOM, der Laden explodiert.“ Nachdem ich meine Gesichtsmuskeln wieder unter Kontrolle habe, erkläre ich Anna, dass die Jungs nur Blödsinn machen, weil die Aufgabe vielleicht zu einfach für sie war.

Nein, nein, meint Anna, denn da gibt es noch eine Zusatzaufgabe, die nicht so einfach ist. Was passiert, wenn es sich nicht um ein schwules Paar Syrer handelt, sondern um ein lesbisches saudisches Paar? Ich meine dass das keinen Unterschied macht. Anna stöhnt auf und meint „ach Opa, dass muss man doch heutzutage wissen!“ Ich schau die kleine Anna neugierig an. „Oh Mann“ sagt sie, der Händler muss ihnen noch 4,20 EUR rausgeben, wegen dem 21% gender pay-gap. Ganz verdutzt schlucke ich und sage „das muss ich doch glatt übersehen haben. Gender-Mathematik hatten wir vor 50 Jahren noch nicht in der Schule“. Dann will ich wissen was die Jungs denn so antworten. Na die sagen, dass die zwei Lesben über die zwei Schwulen von vorhin stolpern, welche irgendwie vom Dach gefallen sind, wonach die Lesben von der Scharia Polizei ausgepeitscht werden. Ich bekomme einen Hustenanfall.

Viele Jahre später sitze ich in meinem Ohrensessel in meinem 35 qm Wohnklo und die inzwischen große Anna kommt mich besuchen. Sie hat nicht viel Zeit für mich, weil sie unglaublich viel arbeiten muss. Irgendwas mit Budget und Nachkommastellen oder so, ich krieg das ja nicht mehr so mit. Aber Anna war wohl schon immer die bessere Mathematikerin unter uns Zweien.

Die große Anna klagt mir ihr Leid, dass die Männer früher mal ganz lieb waren und jetzt sind sie alle so blöd. Oh, meine arme Anna, sage ich, was ist passiert, hat dich dein Freund betrogen? Nein, nein, meint sie, der wäre schon lange weg und hat eh nichts getaugt. Sie will jetzt mit Anfang 30 endlich ein Kind und die Kerle sind alle sterilisiert oder schwul oder hängen lieber vor dem Computer ab. Na, na, sage ich, du bist doch eine hübsche junge erfolgreiche Frau, lass mal den Kopf nicht hängen, das wird schon noch.

Monate später kommt Anna mich wieder besuchen, diesmal mit einem leicht beigefarbenen Kerl mit Rauschebart im Schlepptau. Man kann den Babybauch schon erkennen und sie hat so einen fusseligen Lappen um den Kopf und Hals gewickelt. Sie erklärt mir dass ihr neuer Ehemann das so will, damit sie nicht wie eine Schlampe aussieht. Ich denke laut, dass nach ihren vielen Ibiza-Eskapaden, zur Gründung einer Familie eben etwas Sitte und Anstand Einzug halten muss. Sie schaut leicht belämmert drein und meint ich sollte mal mit Reyhan, dem Erzeuger und Begatter reden.

Na, Reyhan, „was machen Sie denn beruflich“ erscheint mir die unverfänglichste Eröffnung des Gesprächs unter Männern. „Prediger“ sagt er. Kann man denn davon gut leben frage ich mit einem Anflug von Scheinheiligkeit nach. Ach, kein Problem, sagt er. Er hat vor vielen Jahren mit seinen beiden Erstfrauen und 7 Kindern von den Behörden ein Einfamilienhaus bekommen und immer sauber Hartz4, da fügt sich Anna ganz wunderbar mit ein. Immer dieser verdammte Reflux, das muss am Alter liegen, früher hatte ich das nie. Ich beglückwünsche Anna zur befleckten Empfängnis und behaupte heute doch etwas müde und überanstrengt zu sein.

Ach, meine liebe kleine Anna – Männer waren mal ganz lieb. Jetzt sind sie’s nicht mehr. Ob’s an der Gender-Mathematik gelegen haben könnte? Oder daran dass Jungs einfach blöd werden, wenn sie älter werden? An dir, meiner lieben Anna kann es nicht liegen. Du warst immer nur Opfer. Immer.

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7 thoughts on “Männer waren mal ganz lieb

  1. Brutal gut. Da kann Akif bei dir noch Nachhilfe nehmen – der schreibt zu kloakisch. Tja, man kann das für Satire halten, wenn es nicht die Zukunft beschreiben würde.

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  2. Sehr unterhaltsam, ich musste des Öfteren schmunzeln.
    Ob dieser Text eine „utopische“ Zukunft vorhersieht, die dann doch eintrifft?
    Ich denke da nur an den Roman 1984 von Orwell. Wenn man sich heute so umschaut…

    Liked by 1 person

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