Das ist doch ZENSUR !!!eins11

Die Geschichte der Zensur reicht von der Antike bis in die Gegenwart. Das ist der erste Satz im entsprechenden Wikipedia-Artikel über die Geschichte der Zensur. Ein anderer recht guter Artikel beschäftigt sich mit Zensur und Pressefreiheit seit dem Buchdruck. Ein weiterer Blogger hat sich die Mühe gemacht ein ganzes Kapitel aus dem Buch von John Owen Beaty – The Iron Curtain Over America – auf Deutsch zu übersetzen, in dem klar wird wie perfide eine Regierung Tatsachen unterdrücken kann. Da nutzt es auch nichts wenn man ein 1st amendment hat, oder im Artikel 5 Grundgesetz steht „Eine Zensur findet nicht statt“.

Zensur ist eben nicht immer so trivial, wie man sich das so von der Antike oder vom Mittelalter gerne vorstellt. Eine Vorzensur findet heute kaum noch statt, außer in wenigen Ländern mit totalitären Regimes. Doch selbst dann ist es inzwischen etwas schwierig geworden mit dem Zensieren, denn das Internet ist groß und unübersichtlich. Heute findet eher eine inoffizielle Zensur statt, d.h. bestimmte Redakteure in den Medien formulieren Agenturmeldungen so um, dass sie seinen eigenen, oder den Interessen seiner Auftraggeber entsprechen. Zurzeit ganz hoch im Kurs steht Zensur über Dritte. Die jeweilige Regierung traut sich nicht selbst als totalitärer Zensor da zu stehen und veranlasst daher die Medien (inkl. der social media) die Zensur in ihrem Sinne durchzuführen. Das ist nicht nur das Netz-DG von Maas, sondern die einfache Tatsache dass der Regierung genehme Medienleute Infos bekommen, während jeder andere erst mal darauf klagen muss.

Die Ultima Ratio ist den einzelnen Blogger wegen Volksverhetzung vor den Kadi zu zerren, oder ihn mit Copyright Klagen zuzumüllen, bis er aufgibt oder pleite ist. Eine ganz bösartige Zwischenstufe erleben wir in den letzten Jahren. Unangenehme Berichterstatter werden nicht nur aus ihren Positionen in den Medien geschasst, sondern es werden auch nebenberufliche Blogger bei ihrem Hauptarbeitgeber (bzw. seinen Kunden) angeschwärzt, was oft dazu führt dass derjenige sein Einkommen komplett verliert. Das alles ist m.A. ein Zeichen einer zutiefst korrupten Denunzianten-Gesellschaft. Ein Volk welches sich nicht beherrschen lassen will, lässt sich das nicht gefallen. Erinnert sich noch jemand an seine Schulzeit, wenn ein Lehrer bestimmte Worte verboten hat (wie z.B. Scheiße, ficken, etc.)? Es war damals quasi obligatorisch sich dagegen aufzulehnen und das verbotene Wort im Unterricht so oft wie möglich zu gebrauchen, auch an Stellen wo es gar nicht passte. Die heutigen Schneeflöckchen scheinen erheblich konformistischer zu sein.

Ich bin also wesentlich unaufgeregter, wenn die Facebooker und Twitterati ganz entsetzt schreien „Das ist doch Zensur“, sobald mal wieder eine ihrer Nachrichten gelöscht oder geblockt wurde. Geschichtlich betrachtet ist das ganz normal. Man muss eben entscheiden wie man damit umgeht. Ich bin halt einer von den wirklichen „digital natives“ (oder Internet natives), der dabei war als die ersten Computer für den Hausgebrauch entworfen und gebaut wurden, der dabei war als es noch die Vorläufer vom Internet gab, der auf grünen Bildschirmen programmiert hat und der in den frühen Internet-Boards dabei war. Ihr merkt schon, das hat mit den heutigen „digital natives“, die mit 3 Jahren bei einem Facebook-Bild schon auf „Like“ drücken können wenig zu tun. Wenn jemand auf einem board/forum meine Beiträge löscht, dann bleib ich weg. Offensichtlich bin ich nicht erwünscht. Wenn ich selbiges auf meinem Blog mache, bitte ich das ganz genauso zu verstehen. Als ehemaliger Forum-Betreiber musste ich auch ab und an Leute rausschmeißen. Immerhin habe ich den Server und den Traffic bezahlt, sowie hunderte Stunden Arbeit reingesteckt; da lass ich doch nicht irgend einen Hirni alles zumüllen. Facebook gehört nun mal Zuckerberg und der kann mit seinen Serverfarmen anstellen was er will. Wenn der Katzenbild-Liebhaber und ich-hab-zwar-keine-Ahnung-aber-rede-trotzdem-darüber Leute auf seiner Plattform haben will, dann lasst ihn halt machen. Für mich ist das nix. Ich habe kein Verständnis für Leute, die trotz mehrfacher Löschung und Sperrung trotzdem darauf bestehen dort weiter zu machen. Wann kapiert ihr, dass ihr dort nicht willkommen seid? Und wenn dann mal einer eine Zensur-freie Alternative entwickelt, wie Gab.ai oder Minds.com, dann melden sich zwar viele Leute die mit Facebook/Twitter unzufrieden sind an, aber posten tun sie weiterhin nur bei Facebook und Twitter. Alles Dopamin-Junkies. Zu dumm ein Loch in den Schnee zu pissen!!!!!

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Was mich also viel mehr interessiert ist, wie die Leute historisch und heute Zensur umgehen konnten. Wie gesagt, Intellektuelle, die nicht im Orbit der Schwarmmeinung kreisten, mussten dafür schon immer einen Weg finden. Ich machte mich auf die Suche nach Quellen und fand etwas, bezeichnender Weise von einem Iraner. Also aus einem Land wo die Zensur höchstens noch von Nordkorea übertroffen wird. Das trifft sich gut, denn deren Zensur ist ähnlich wie in Europa im Mittelalter. Die Religion, die Kirchenfürsten und die Herrscher dürfen nicht kritisiert werden. Und so wie damals im Mittelalter einige Aristokraten gegen ihren König wetterten, oder einige Theologen gegen ihre Kirchenfürsten, so versuchen das sehr viele heute auch im Iran. Im Folgenden einige Textabschnitte aus seiner Diplomarbeit.

Diplomarbeit von Farhad Bazyan, 2013, Wien, zum Magister der Philosophie

http://othes.univie.ac.at/27490/1/2013-04-06_0802829.pdf

Durch eine systematische Ausweitung der Zensur wurde die Umgehung von Zensur regelrecht zu einer Kunstform, die sich vor allem in anonymisierter Poesie, Romanen, Karikaturen sowie Graffitis entwickelte. Die Sprache, Ecken und Kanten von Symbolen und Formulierungen wurden zu kreativen Wegen die Zensur zu umgehen und die verschiedenen Kunstformen verschlüsselt auszuüben.

Um die Zensur zu umgehen, kam es zu inoffizieller Zensur. Dabei wurden verschiedene kreative Ausdrucksweisen und Kodierungen verwendet, die immer mehr und mehr zu Puzzles wurden.

Ein bekanntes Beispiel war ein Artikel über die Regierung, der anonym erschien. Wenn die Worte am Anfang jedes Satzes hintereinander gesetzt werden, lautet der Artikel wie folgt:
Abbildung 5: (Übersetzung) „Wie soll der Reza Schah, der die Namen seiner Minister im Parlament nicht vorlesen kann, fähig sein, ein Land zu führen? Das Kulturministerium erlaubt uns nicht zu arbeiten und wir versuchen die Zensur zu umgehen. Mögen die Radikalen uns verfluchen.

In der Reza Khan Zeit war die Umgehung von Zensur zwar gefährlicher aber leichter umsetzbar, da die breite Masse, die unter Bildungsmangel litt viele Maßnahmen und Zusammenhänge nicht begriff, auch Personen im Regierungsapparat. Also war die Zensur noch nicht so fortgeschritten.

Die Breite Masse, welche die Veränderungen in erste Linie mit dem eigenen wirtschaftlichen Aufstieg zu verstehen versuchte, war mit der Medienvielfalt völlig überfordert. Die Interpretationen der Intellektuellen über die Zusammenhänge von Wirtschaft, Politik und Soziales waren zu viel für die breite Masse, welche sich das Recht und die Ordnung seit Jahrhunderten von den religiösen Oberhäuptern diktieren ließ.

Die Angst vor Verschwörungen oder Spitzeln führt dazu, dass Meinungen zwar geäußert werden, aber immer vorsichtig und doppeldeutig.

Ständig soziale und kulturelle Faktoren mit dem eigenen politischen Verstand kombinieren zu müssen, bleibt eine ständige Herausforderung für die iranische Gesellschaft.

Was ich aus diesen Beispielen herauslese ist folgendes:

  • Für kritische Menschen, oder solche die nicht angelogen werden wollen, wird das Leben komplizierter. Man muss quasi „neu lesen lernen“, wenn man zwischen der staatlichen/religiösen Propaganda und dem was wirklich vorgefallen ist unterscheiden will.
  • Für Medienschaffende wird das Leben erheblich komplizierter. Man muss seine Texte (oder Filme) so kodieren, dass die Zensoren nicht darüber stolpern, die „Eingeweihten“, die Regierungs- oder Religionskritiker aber immer noch verstehen was man meint.

Aus meiner Sicht besteht jetzt auch kein großer qualitativer Unterschied zwischen Kopftritten oder Steinwürfen von der Antifa und den Foltergefängnissen und offiziellen Steinigungen moslemischer Religionseiferer. Es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit wann solche Vorgänge institutionalisiert sind. Wenn man um sein Leben fürchten muss weil man etwas sagt oder schreibt, dann befindet man sich nicht mehr in einer zivilisierten Gesellschaft.

Diese notwendigen Kodierungen führen zwangsläufig zu einer ansonsten völlig unnötigen Komplexität in der Kommunikation. Diese Komplexität, die nur Eingeweihten zugänglich ist, ist eine neue Subkultur, die sich von der Mainstream-Kultur auch ganz entkoppeln kann. Ich denke so sind viele Werke der klassischen Literatur entstanden, die Hinz und Kunz (also Geisteswissenschaftler) heutzutage „interpretieren“ müssen, weil der Text ohne das Wissen über die Kodierung (und deren geschichtlichen Hintergrund) kaum verständlich wäre. Ich habe ein gesundes Misstrauen gegenüber aktuellen Schreiberlingen, die sich daran angelehnt absichtlich so verschwurbelt ausdrücken, ohne dass es notwendig wäre. Es gibt Literatur – wie z.B. Nietzsche, bei dem man jeden Satz 3 mal lesen muss – die wirklich kompliziert ist, aber nicht wegen der Umgehung einer Zensur, sondern weil die Sprache an ihre Grenzen gelangt für das was ausgedrückt werden soll.

Zum Abschluss ein kleines Beispiel aus jüngster Zeit. Es gibt Asylanten, Kriegs-Flüchtlinge und Migranten. Das sind drei verschiedene Kategorien. Asylanten rennen vor ihrer eigenen Regierung weg, die sie verfolgt. Flüchtlinge rennen vor Bomben im Heimatland weg. Migranten wollen gerne in einem anderen Land leben. Die Medien und die ‘Regierenden’ tun alles, um diese Begriffe zu vernebeln, damit alles ein Mischmasch wird. Jemand der sich halbwegs mit dem Thema befasst hat weiß, dass es nur ganz ganz wenige berechtigte Asylanten gibt. Er weiß auch, dass es in Deutschland eigentlich keine Kriegs-Flüchtlinge geben sollte, denn keiner unserer Nachbarstaaten steht im Krieg. Und er weiß, dass man sich Migranten normalerweise sorgfältig aussucht, den wir nehmen die ja freiwillig auf und sie sollen uns nicht zur Last fallen. Wenn die Begriffe vermauschelt werden hat das seine Gründe, und die liegen in der undurchsichtigen Regierungspolitik. Nicht-Teddybären-Werfer wie Akif haben einen neuen Begriff erfunden, Flüchtilanten. Die „Eingeweihten“ wissen, dass der nicht positiv besetzt ist. Wer’s nicht weiß liest den Blog hier eh nicht.

tschüssikowski!

Bild ist heute von pixabay

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6 thoughts on “Das ist doch ZENSUR !!!eins11

  1. Der Artikel über die Zensur hat mich motiviert noch einmal etwas in
    https://www.freizahn.de/2017/02/in-der-folge-der-industriellen-zivilisation/
    nach zu lesen, wo eine Teil von J.M.Greers “Dark Age America” übersetzt ist.
    Zenzur ist ein verzweifelter Versuch der führenden Klasse, das eigene Versagen und den daraus folgenden, unvermeidlich eigenen Untergang aus zu blenden. Zensur bedeutet, dass die Gesellschaft zersplittert ist und dass die führenden Klassen keinen Sinn mehr darin sieht, durch eine breite offene Diskussion alle Fehlermöglichkeiten und Warnsignale zu erkennen und einen bestmöglichen gemeinsamen Weg in die Zukunft zufinden.
    Eine Gesellschaft mit Zensur ist wie ein Autofahrer der alle Warnleuchten und die Benzinuhr mit schwarzer Folie abklebt, weil er fürchtet, das diese seine Phantasie von der Unendlichkeit der Füllung seines Tanks und von der Unzerstörberkeit des Motors stören könnten.
    Demokratie und Meinungsfreiheit sind dagegen Ausdruck einer vitalen, lebenstüchtigen Gesellschaft, die sich der Schwächen der menschlichen Natur ebenso wie der Komplexität und der Gefahren dieser Welt bewußt ist UND die davon ausgeht, dass alle Mitglieder der Gesellschaft im Grunde ein gemeinsames Ziel haben.

    Deutschland ist ein sinkendes Schiff. Es ist eine extrem von fossilen Energieträgern und anderen Rohstoffen abhängige Gesellschaft, die sich ihre Wunschträume möglichst lange erhalten will, auch wenn der Preis des Ignorierens der Realität furchtbar ist.

    Alles sehr gute Gründe unbefangen, vernüftig und ohne jede Zensur die Lage zu analsysieren und zu diskutieren, um die Schäden zu begrenzen. Aber man will lieber garnicht wissen und wahrnemen müssen was auf die Gesellschaft und ihre Führungsklasse zu kommt. Deshalb flüchtet man sich zur Zensur, wie ein Drogensüchtiger oder Alkoholiker, der seine Wahrnehmung durch Drogenkonsum verschönert anstatt faziniert und intensiv nüchtern nach den bestmöglichen Lösungen zu suchen.

    [Anmerkung zur Freischaltung von Luismanblog: Zu viele irrelevante Links entfernt. Eigenwerbung ist OK, wenn es nicht zum Hauptziel des Kommentars wird.]

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