Kapitalistisches Volkseigentum

Marx hatte ja in einem Punkt recht. Wenn man vom Feudalismus zum Kapitalismus übergeht, besteht die Chance das Wirtschaftssystem gerechter zu machen. Im Feudalismus gehörten die Produktionsmittel, d.h. vor allem das Land, einigen ausgewählten Gruppen, den Aristokraten und den Kirchenfürsten. Ob als Leibeigener, Bauer, Händler oder Handwerker, man musste immer die „Miete“ für die Nutzung der Produktionsmittel an die „Eliten“ zahlen. Im Frühkapitalismus entstand, neben den altbekannten Eliten, eine neue Klasse von Elite. Die Kapitalisten, die alle Produktionsmittel besaßen, und ihre Arbeiter kaum anders als Leibeigene behandelten.

Marx meinte, dass die Produktionsmittel in Besitz der Arbeiterklasse gelangen müssen. Das geht auch, ganz ohne Revolution, ohne Gewalt, ohne Enteignung und sogar ohne den Staat als Eigentümer festzuschreiben. Wir haben die Mittel dazu bereits in der Hand, aber kaum jemand nutzt sie. Aktiengesellschaften sind ein optimales Mittel, um den Besitz der Produktionsmittel in die Hand des Volkes zu geben. Man muss nur Aktien kaufen. Das Dilemma des Arbeiters und gleichzeitig Aktienbesitzers ist jedoch, ob er lieber mehr Gehalt oder mehr Gewinn haben will. Es ist optimal und sehr vernünftig, wenn er beides will. Leider verhält sich der arbeitende Aktienbesitzer meist nicht sehr vernünftig. Zum anderen ist nur ein winziger Bruchteil der Bevölkerung Aktienbesitzer. Kann man daraus schließen, dass kaum jemand in den Besitz der Produktionsmittel gelangen will?

Es ist bequem, wenn die Produktionsmittel „dem Staat“ oder irgendwelchen Reichen gehören. Der Staat oder die Reichen, die sind ja nicht „Wir“, die sind ja immer „die Anderen“. Für die Anderen ist man ja nicht verantwortlich. Also kann man mehr Gehalt für weniger Arbeit fordern. Was mit den Produktionsmittel passiert kann ignoriert werden, denn die gehören ja nicht „Uns“. Und wenn das Zeug niemandem gehört, dann kümmert sich auch keiner um den Erhalt oder dessen Verbesserung. Das alte Problem der Allmende. Das ist einer von vielen Gründen, warum Kommunismus nie funktionieren kann, bzw. nur mit massiver Gewaltausübung des Staates. Wenn die Produktionsmittel nur der Minderheit der Reichen gehören, dann kümmert sich wenigstens jemand darum, sofern der Mob sie lässt.

Warum sind in den kapitalistischen Staaten nicht mindestens 50% der Arbeiter Aktienbesitzer? Manche behaupten, die Arbeiter wären so arm, dass sie sich Aktien nicht leisten können. Komisch, dass sie sich neue iPhones, Urlaub auf Mallorca, Autos mit allem Schnickschnack und 50 Zoll Plasmafernseher leisten können, aber keine einzige Aktie. Ich denke der Grund ist, dass die meisten Leute verantwortungslose Idioten sind und sich eine verantwortungslose idiotische Regierung wählen, die ihre Bequemlichkeit unterstützt. Hätte Opa nach „dem Krieg“ konsequent jeden Monat ein paar Aktien gekauft, anstatt SPD- oder Gewerkschafts-Beiträge zu zahlen, wären heute mehr als die Hälfte der Produktionsmittel im Besitz der „Arbeiterklasse“. Der Aktienbesitzer darf übrigens, ganz kapitalistisch und voll demokratisch, mitbestimmen, was die Firmenleitung so tut. Nicht weil er über Gewerkschaften „vertreten“ wird, sondern weil er als Kapitalist die Macht hat.

Die ganz im Sinne von „brave new world“ sedierte Bevölkerung ist offensichtlich nicht am Besitz der Produktionsmittel interessiert. Ein erheblicher Anteil ist nicht mal am Besitz der eigenen Behausung interessiert. Auch an eigenem Vermögen sind die Deutschen anscheinend wenig interessiert und belegen den letzten Platz in der europäischen Statistik. Und wer das schönreden will, also Rentenansprüche als Vermögen rechnet, der kann nicht rechnen, denn dieses vermeintliche Vermögen steht gleichzeitig als negatives Vermögen der eigenen Kinder zu Buche. Ein Nullsummenspiel. Man fragt sich wohin das ganze Geld ging, welches die so fleißigen und produktiven Deutschen erwirtschaftet haben.

Wer meinen Blog kennt weiß die Antwort schon. Das ganze Geld ging und geht weiterhin an die Faulen. Die Faulen sind zwei ganz unterschiedliche Klassen im Volk. Zum einen die Großkapitalisten, die aus Gründen des Wachstums, und des sprudelnden Gewinns wegen sinkender Grenzkosten, immer mehr Verbraucher haben wollen. Zum anderen sind das die Leute die entweder nicht befähigt sind oder Unwillens sind produktiv zu arbeiten. Das Vermögen ist nicht verschwunden, oder nicht nie erwirtschaftet worden, sondern floss ungehemmt „nach oben“. Die Mietskasernen und Firmen gehören ja jemandem. Nur gehören sie weder den Arbeitern, noch den Hartzern, noch den Trittbrettfahrern der Sozialsysteme. Das Vermögen gehört, wie vor 200 Jahren, einer kapitalistischen Feudalklasse. Der einzige Unterschied ist, dass deren Mitgliedschaft sich häufiger ändert als vor hunderten von Jahren.

Nietzsche beschrieb diese Mentalität schon. Sklavenmoral oder Nützlichkeits-Moral ist gekennzeichnet durch Mitleiden, Hilfsbereitschaft, Herzensgüte, Geduld, Fleiß, Demut, voraussetzungslose Freundlichkeit, durch das Einordnen der Welt in gut und böse. Auf diesem Hintergrund halte ich den Begriff Gutmensch für wichtig und einen rhetorischen Volltreffer, der zuverlässig auch genau die richtigen Menschen ‘triggert’. Nietzsche kennzeichnet die Herrenmoral durch die Einteilung der Welt in gut und schlecht. Er geht mir da zu weit, weil damit die Moral an sich ausgeklammert wird. Man kann aber nicht übersehen, dass die Rationalität innerhalb der Herrenmoral einen wichtigen, dominierenden Platz einnimmt. Und wenn es um Produktionsmittel, Vermögen und das Überleben geht, ist das wichtiger, als „nicht böse“ zu sein. Politik arbeitet zwar überwiegend mit irrationalen Argumenten, doch egal wer gewinnt, das Resultat ist das Abendessen, die Behausung und die Kinder, die man sich entweder leisten kann oder eben nicht.

Mit der Sklavenmoral des Gutmenschentums kann man mit anderen mitleiden, weil jeder leidet. Man kann hilfsbereit sein, aber kann niemandem wirklich helfen. Jeder kann Güte, Geduld und Freundlichkeit zeigen, ohne je etwas zurück zu bekommen. Der Sklave kann so fleißig sein wie er will und muss demütig ertragen, dass er nie etwas sein eigen nennen kann oder „genug“ hat. Dabei ist der gute Sklave auch noch fröhlich ohne Soma. Die Schande der Sklaverei erklärt er zur Tugend. Ich schaue auf diese Unwürdigkeit ebenso abfällig herab wie Nietzsche.

Der Wille zur Macht würde sich dadurch manifestieren, dass Arbeiter Kapitalisten werden, auch wenn aller Anfang schwer ist und das erste Vermögen mickrig erscheint. Was ich kürzlich über Haiti in 1791-1804 gelernt habe, fasziniert mich immer noch. 1788, also vor der Revolution, lebten ca. 25.000 Europäer, ca. 22.000 Mischlinge und ca. 700.000 schwarze Sklaven auf Haiti, und das Verhältnis von Sklaven zu Sklavenhaltern war immer 10:1 oder mehr, für fast 200 Jahre. Selbst mit bester Bewaffnung hat ein Einzelner kaum eine Chance gegen 10 gegen ihn Anstürmende. Die Schwarzen dort hätten sich der Weißen jederzeit entledigen können, sogar ohne große eigene Verluste. Haben sie aber nicht getan, sondern gewartet bis so ein bekloppter französischer General in Paris erklärte, dass die das jetzt dürfen. Ähnliche Verhältnisse bestanden in den amerikanischen Südstaaten. Der größte Sklavenaufstand in den USA war der Stono-Aufstand, 1739, der mit 20 afrikanischen Sklaven begann und auf (sage und schreibe) 80 anwuchs. Ganze 80 von hunderttausenden Sklaven, konzentriert in den Südstaaten, deren Zahl auf 4 Millionen anwuchs. Die haben ganz lieb und brav noch über 120 Jahre abgewartet, bis Lincoln ihnen gestattete frei zu sein.

Wie gesagt, es ist und bleibt mir ein Rätsel, warum sich die meisten Menschen so leicht unterordnen und ausnutzen lassen. Haiti zeigte doch eindeutig, dass der Mob die Herrscherklasse relativ leicht und kurzfristig überwältigen und stürzen kann. Wenn man das schafft und im Besitz der Produktionsmittel ist, den Beteiligten aber die notwendigen Synapsen fehlen, ist die Verbesserung der Lebensverhältnisse allerdings nicht garantiert, wie Haiti seit über 200 Jahren demonstriert. Haben die Deutschen so furchtbar Angst vor den kommenden Zuständen, wenn Merkel&Co mal weg sind? Haben sie – zurecht – Angst vor der Verstaatlichung der Produktionsmittel, angesichts des aktuellen Falls Venezuela? Beides kann ich noch nachvollziehen. Aber warum haben sie Angst selbst Besitzer der Produktionsmittel zu werden? Wie kann man davor Angst haben Hausbesitzer, Aktienbesitzer oder Besitzer einer Truhe mit Goldstücken zu werden? Wie gesagt, ich verstehe es nicht. Erklär mir das mal einer. Ganz ernsthaft.

Bild: https://pixabay.com/en/dollar-currency-capitalism-funds-2091737/

 

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7 thoughts on “Kapitalistisches Volkseigentum

  1. Und kein Politiker hat mehr dafür getan, die Produktionsmittel in die Hand der Arbeiter zu legen als Maggie Thatcher. Und wie fast alles was sie tat mit Erfolg.

    Der Mensch ist Primat. Wir ordnen uns unter. Das ganze wird für die Herrschenden immer leichter, je weiter das Testosteron fällt.

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  2. “Das Vermögen gehört, wie vor 200 Jahren, einer kapitalistischen Feudalklasse. Der einzige Unterschied ist, dass deren Mitgliedschaft sich häufiger ändert als vor hunderten von Jahren.” Ob da der Sonnenkönig ist oder Bismarck oder Kohl oder Merkel macht in dieser Hinsicht wenig Unterschied.

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  3. Wenn meine Rentenansprüche gleichzeitig negative Ansprüche der Kinder von Merkels Muselmännern sind, finde ich das gar nicht so schlecht.

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    1. Ansprueche gegenueber Zahlungsunfaehigen sind leider ueberhaupt nichts wert. Und selbst wenn sie das Geld haetten, wie willst Du es bekommen, wenn in 20 Jahren Erdogans Volkspartei in der BRD die Mehrheit hat?

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