150 Jahre Staatlichkeit

Über eine Nation die nie entstand

zur geplanten Veröffentlichung am 18. Januar 2021

Rudolf hatte einen elastischen Gang, so etwas wie einen Sprung im Schritt, den ich von ihm erbte. Nicht wie ein Balletttänzer, der magisch über den Boden gleitet, nein, eher wie die domestizierte Version eines Sprungschrittes, den kleine Kinder haben, wenn sie nicht rennen dürfen, aber schnell gehen wollen. Er wurde im Allgemeinen als sehr elegant angesehen, obwohl er in den Anzug, der mal seinem Opa gehörte, und der nach dessen Tod um-geschneidert wurde, mit 16 noch nicht so ganz hinein passte. Immerhin war er nun Schreiner- und Zimmermanns-Lehrling und konnte beim besten Willen nicht mehr in kurzen Hosen herumlaufen. Er lief die 5 km zu seinem Lehrplatz täglich. Eigentlich marschierte er sie, zusammen mit Anton, einem anderen Lehrling aus der Nachbarschaft. Sie kannten sich von der Schule. Meist sangen sie beim Marschieren, um den Schritt zu halten. Sie brachen jeden Tag zur gleichen Zeit auf, denn wenn sie zu spät kamen – es war knapp 1 Stunde zu Fuß – bekamen sie zur Begrüßung vom Meister gleich mal eine Maulschelle.

Backpfeifen gab es öfters in der Lehre. Der Meister hatte einen kleinen Betrieb, mit dem er Geld verdienen musste. Es ging nicht an, dass die Lehrlinge faul waren, oder respektlos, oder grobe Fehler machten. Das hätte den Meister nicht nur viel Geld, sondern den Ruf gekostet, den er sich mühsam erarbeitet hatte. Meist bauten sie Dachstühle, oft wurde nur repariert. Verfaulte oder angebrannte Balken herauslösen und neue einsetzen war schwere Arbeit, die mit hoher Präzision durchzuführen war. Geometrie hatten sie zwar in der Schule gelernt, aber im wirklichen Leben ist das Messen und Rechnen nicht ganz so einfach wie auf der Tafel.

Rudolfs Eltern wurden noch unter einem Großherzog geboren, er selbst wurde unter einem deutschen Kaiser auf die Welt gebracht. Praktisch geändert hat das nichts. Ein Arbeiter im Deutschen Reich war ein armer Schlucker, aber immerhin konnte man sich in bescheidenen Wohnverhältnissen eine kleine Familie leisten. Nachdem Rudolf ausgelernt hatte wurde er ein fahrender Geselle, d.h. er reiste in verschiedene Orte zu anderen Meistern, bei denen er gegen Lohn arbeitete. Auch damals durfte man ohne den örtlichen Meister nicht einfach mal so einen Dachstuhl bauen, nicht mal einen Stuhl. Nach mehreren Jahren seiner Fahrenszeit kehrte er in seinen Heimatort zurück und fing bei einer kleinen Sägemühle mit angeschlossenem Zimmermanns-Betrieb an. Immerhin konnte er die 12km dorthin täglich mit dem Fahrrad fahren, welches er sich mit dem gesparten Geld gekauft hatte.

Rudolf war im heiratsfähigen Alter und lachte sich meine Urgroßmutter an, die als Wäscherin in einem Krankenhaus arbeitete. Die alten Laken mussten oft repariert/geflickt werden, was sie dazu führte, als Näherin etwas mehr Lohn zu erwirtschaften. Sie hatten 5 Kinder, von denen 2 früh verstarben. Eines starb als Säugling, das andere ertrank in einem See. Bis zu Beginn des 1. Weltkriegs waren Rudolf und seine Familie Badener (nein, nicht Badenser und die Schwaben waren schon damals ein raffgieriges Völkchen 😉 ), obwohl es ihn während seiner Fahrenszeit kreuz und quer durch das Deutsche Reich trieb. Seine militärische Einheit bestand zwar nur aus Badenern, aber er musste mit Hurra für das Deutsche Reich kämpfen. Er verlor ein Auge und bekam einen Splitter in den Arm, der aber immer noch halbwegs zu gebrauchen war.

Nach dem Krieg konnte er nicht mehr auf Dachstühle und verlegte sich auf den Möbelbau. Immerhin konnte seine Frau etwas dazuverdienen, da sie nicht nur Kostüme für Theater, sondern auch ab und an aufwendige Kleider und Hüte für die reichen Damen nähen durfte. Es reichte zumindest dem einzigen Sohn das Studium der Elektrophysik und Elektrotechnik zu finanzieren (damals wurden die Professoren pro Vorlesungsstunde direkt bezahlt). Eine Tochter wurde Krankenschwester, die andere Näherin, wie ihre Mutter. Die Mutter starb aber früh, und die beiden Töchter blieben beim Vater, bis an sein Lebensende.

Mag sein, dass die Weimarer Zeit, in den Großstädten ausgelassen und kulturell interessant war, aber das erlebten nur Leute, die sich das auch leisten konnten. Rudolf brachte es nicht zu einem eigenen Haus, aber konnte sich durch eine Beteiligung bei einer Mietwohnungs-Baugesellschaft immerhin eine 76qm Mietwohnung für eine sehr günstige Monatsmiete sichern. Seine beiden Töchter lebten weiter darin, bis kurz vor ihrem Tod in den 90’ern. Man wurschtelte sich so durch die Weltwirtschaftskrise, indem die ganze Familie am Wochenende zu einem Bauern ging, als Erntehelfer, um etwas Fleisch auf den Tisch zu bekommen.

Der Sohn von Rudolf begann nach abgeschlossenem Studium beim Badenwerk, dem Stromversorgungsunternehmen mit Sitz in Karlsruhe (heute EnBW). Diese Badische Landes-Elektrizitäts-Versorgungs AG lieferte Strom an alle Badener und nur an die, bis 1996. Doch auch der Sohnemann musste in den Krieg, nachdem er 3 Kinder zeugte. Seine ‘Fahrenszeit’ war nicht freiwillig und fröhlich wandernd, sondern endete in russischer Kriegsgefangenschaft nach dem Massaker von Stalingrad. Auch er kämpfte für ein Deutsches Reich, welches er kaum kannte. 1947 kam er wieder zurück in ein immer noch ziemlich zerbombtes Deutschland. Seine Familie wusste drei Jahre lang nicht ob er noch lebt, denn erst nach Kriegsende kamen einige wenige Briefe. Zum Glück wurde er nicht verletzt, zumindest nicht am Körper.

Er hat sich wieder zusammen gerappelt und stieg in eine führende Position in der Badenwerk AG auf. Der Erste, der sich von dieser Linie meiner Familie ein eigenes Haus baute (die andere Linie war deutlich unternehmerischer). Opa, so wie ich ihn kennen lernte war ein harter Hund, der nichts durchgehen lies. Seine Kinder, die er erst nach seiner Rückkehr aus Russland wirklich kennenlernte, hatten meist Angst vor ihm.

Weder Opa noch Uropa waren Hurra-Patrioten. Sie waren Badener. Ein Hamburger, Thüringer oder Berliner war ihnen fremder, als ein Elsässer oder Schweitzer. Der Schwabe war immer der größere Feind, nicht der Franzose oder der Russe.

###

Ist Deutschland als Nationalstaat nicht eigentlich nur das Rezept, durch vereinigte militärische Stärke zu verhindern, dass man immer wieder von Frankreich überfallen wurde? Immerhin wurde das Deutsche Reich 1871 mit einer Verfassung gegründet, aber Wilhelm I. wollte nicht deutscher Kaiser sein, sondern vielmehr Kaiser von Deutschland. Die Führungsfigur hatte mittelalterliche Ansinnen; schon sein Bruder lehnte es ab, Kaiser von Volkes Gnaden zu sein und auf eine nicht-preußische Verfassung zu schwören. Und Wilhelm I. wollte souveräner Herrscher sein, nicht sich mit dem Parlament herumschlagen müssen. Er war der letzte Kriegerkönig in Deutschland. Eigentlich regierte Bismarck das Deutsche Reich. Das ‘Glanz und Gloria’ wurde nicht einmal in Deutschland vollzogen, sondern in Versailles, 18 Tage nachdem Bismarck das Deutsche Reich schon gegründet hatte.

Nun hatte Deutschland 1949 wieder eine Chance zur Nationenbildung, und 1990 noch einmal. Wir haben wieder eine Kaiserin, die nicht Herrscher von Volkes Gnaden sein will, sondern Alleinherrscherin. Nicht zu vergessen die ‘Fliegenschiss-Jahre’. Es ist so ein Muster, wenn sich ein Volk immer wieder eine Verfassung gibt, aber mit einem Diktator endet, der sich um dieses Dokument einen Dreck schert.

###

Ja ich weiß, 4 Monate zu spät. Manche Erinnerungen und Erzählungen lassen einen eben nicht kalt.

One thought on “150 Jahre Staatlichkeit

Comments are closed.