Die Wohlstandsverwalter (2)

Warum, hätte man sich gestern fragen können, schreibt der Luisman ausgerechnet zu Weihnachten eine Betrachtung über Wohlstand und Geld, anstatt sich wie in jungen Jahren ans Klavier zu setzen, Weihnachtslieder zu singen und die Weihnachtsgeschichte herunter zu leiern?

Pessach oder das Passah-Fest ist einer der höchsten Feiertage der Juden und soll an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei, wie im Buch Mose beschrieben erinnern. Jesus der Jude, oder der Sohn Gottes, für den die Christen ihn halten, machte an diesem Festtag seinen ersten öffentlichkeitswirksamen Auftritt. Laut der Evangelien vertrieb er mit einer Geißel die Händler und Geldwechsler aus dem Vorhof des Tempels. Die Händler boten kultisch reine Opfertiere an, die Geldwechsler tauschten alle möglichen Münzen in die offizielle silberne Tempelwährung um, und vergaben auch tlw. Kredite für die teuren Opfertiere. Das Vorgehen Jesus wird als Tempelreinigung bezeichnet.

Die Tempelaristokratie, inklusive deren Behörden und Polizei lebten von diesen Geschäften vor und in dem Tempel, den Jesus als reinen Gebetsort sehen wollte. Viele Historiker gehen davon aus, dass diese Aktion zur Verurteilung und zum Tod Jesus führte, weil die Kirchenaristokratie um ihre bequemen Einnahmen fürchtete. Durch meine Weihnachtsgeschichte zieht sich wie ein roter Faden, das leistungslose Einkommen bestimmter Klassen. Auch die protestantische Revolution Luthers hatte ähnliche Hintergründe (Ablasshandel). Die moralischen Doktrinen der Religion scheinen immer wieder durch die Unterminierung aus einer ideologischen Klasse verdrängt zu werden, die ein leistungsloses Einkommen anstrebt.

Manche christlichen Prediger wollen aus der Tempelreinigung ableiten, dass das Bankwesen insgesamt unchristlich ist. Das findet sich in der Abwertung der Geldhändler im Mittelalter wieder, aber auch in der Einschränkung des Kreditwesens in der islamischen Tradition. Rein aus der biblischen Geschichte vermag ich diese Folgerung nicht zu ziehen. Es ging bei der sog. Tempelreinigung um die moralische und kultische Reinheit der Religion, etwas, was wir heute vielleicht als Puritanismus beschreiben würden, nicht um Prinzipien der Marktwirtschaft.

Der Missbrauch des Geldes

Schon in Mesopotamien gab es Buchhaltung und Kredite, einfach weil eine Wirtschaft ohne dies nicht funktionieren kann. Was man gerade hat, und was man gerade braucht überlappen sich nicht immer. Lagerhaltung ist nicht kostenlos, nicht verlustfrei und manchmal technisch richtig herausfordernd. Egal, ob man die Buchhaltung auf Tonscherben, Bambusstöcken einritzt, sie auf Papyrus schreibt oder bunte Plastikscheinchen druckt, man braucht sie halt, wenn man Geschäfte machen will. Nur ein Selbstversorger alleine in der Wildnis braucht kein Geld. Alle anderen brauchen es. Geld ist die Dezentralisierung der Buchhaltung.

Ich muss immer lachen, wenn Leute Gold oder Silber als „echtes Geld“ bezeichnen. Ist es nicht. Es sind Rohstoffe, Material, Produkte, die man gegen andere Produkte, wie einen Apfel oder ein Rindersteak eintauschen kann. Geld ist die Dezentralisierung des Kassenbuchs, oder des Kontos, ein nützliches Konstrukt, dessen Temporalität die Dauerhaftigkeit nicht degradierender Materialien wie Gold und Silber anstrebt, und die Temporalität vergänglicher Produkte meist ignoriert.

Wer Gold oder Silber physisch besitzt, erwartet keine Zinsen dafür. Im Gegenteil, es entstehen Kosten, um den Besitz zu sichern. Wenn wir Zinsen oder Renditen für verliehene Kontostände erwarten, dann nähern wir das Geld an die Temporalität vergänglicher Produkte an, und versuchen sie zu kompensieren. Realistisch betrachtet ist das eine Fiktion. Gold oder Geld vermehrt sich nicht, weil es in einem Safe oder einem Konto liegt. Nur eine absichtlich herbeigeführte Inflation des Geldes drängt die Besitzer des Geldes zu Anti-Inflationären Maßnahmen. Erinnern wir uns, warum es Geldwechsler im Tempel in Jerusalem gab? Vor 2.000 Jahren und mehr haben Regenten den Silbergehalt ihrer offiziellen Münzen degradiert, um ihr leistungsloses Einkommen zu sichern. Die Geldwechsler haben den Inflationsausgleich praktisch umgesetzt.

Wenn man aber einerseits Geld als nicht degradierenden Wert eines Materials wie Gold annimmt, es aber andererseits verleiht, wie wenn es ein degradierender Wert wäre, ist das nicht Betrug?

Ist die Geschichte der Tempelreinigung mehr, als nur religiöser Puritanismus? Hat Jesus die Falschen vertrieben, die Leute, die für Geldwertstabilität gesorgt haben? Selbst wenn man den Juden rein gar nichts zu ihrem Vorteil zuschreiben will, diese intellektuelle Leistung ist unbestreitbar.

Wird das eine verdammte Vorlesung? Yo, wie Ye sagen würde. Eine, die du nie in einer Wirtschaftsfakultät einer Hochschule hören würdest.

Die Tempelaristokratie

Wer sind diese Leute und wie kamen sie an die Macht? Nun, die Lebensweisheiten und Wahrheiten in der Bibel und anderen religiösen, philosophischen Dokumenten sind ein Ding. Die Praxis der psychologischen Indoktrination der breiten Bevölkerung ein Anderes. Wir nehmen immer an, dass die Menschen vor tausenden von Jahren dumm, unwissend, unintelligent waren., Rein evolutionär betrachtet kann das gar nicht der Fall sein. Ein paar tausend Jahre sind rein gar nichts in der Evolution. Die Leute im alten Ägypten oder die Israeliten waren nicht erheblich dümmer als wir heute. Wir können uns heute nicht mal erklären, wie die damals Pyramiden gebaut haben. Oder Särge in Granit mit absolut rechtwinkligen, glatten Kanten und Flächen.

Wir müssen einfach davon ausgehen, dass Rationalität gegenüber Irrationalität hundert tausende von Jahren meist den Kürzeren gezogen hat. Die psychologischen Manipulatoren, die Politiker oder die Tempelaristokratie, wie man will, hat meist gewonnen. Es ist schwer erklärbar warum. Klassische Autoren (Platon, Höhlengleichnis) und moderne Autoren (Desmet, „The psychology of Totalitarianism“) versuchen es zu beschreiben, aber wir wollen es nicht wahrhaben.

Religion ist das soziologische Regulativ eines Volkes. Organisierte Religion bestimmt den Preis des Signals eines jeden, welches er regelmäßig senden muss, um zu bestätigen, dass er dazu gehört. Der Preis nicht dazu zu gehören muss immer höher sein, als der Preis für das Signal.

Die Tempelreinigung war ein symbolischer Akt, um ein tyrannisches Patriarchat, welches geldwerte Opfer vom Volk forderte darauf hinzuweisen, dass der Preis für das Signal zu hoch geworden ist. Es war der Beginn einer neuen Religion, eines soziologischen Regulatives, welches sich kaum vom vorherigen unterschied. Der Religionsgründer zahlte den ultimativen Preis im naiven Glauben, dass seine Nachfolger geringere Signalkosten haben werden. Es stellt sich heraus, dass die Tempelaristokratie am Inhalt der Religion wenig Interesse hat, umso mehr aber an der Optimierung des Signalpreises, welches das Volk bereit ist zu zahlen. Immerhin wurde der Preis im Laufe der Zeit immer zivilisierter. Von Menschenopfern, zu Tieropfern, zu Geldopfern.

Philosophisch ist die jüdische Religion stark auf der patriarchalischen Macht aufgebaut, woraus die natürliche Hierarchie des Tempels entsteht. Aus dem neuen Testament kann man die Individualisierung des soziologischen Regulatives heraus lesen. Nicht der Vater oder die Tempelaristokratie bestimmt uneingeschränkt über jeden, sondern Gott richtet im Jenseits darüber, wie gut man sich an das Regulativ gehalten hat.

Die Philosophie der individuellen Verantwortung steckt im Christentum, auch wenn davon hunderte von Jahren wenig zu spüren war. Es wurden neue christliche Tempel gebaut, es bildeten sich neue Tempelaristokratien. Die meisten Menschen sind froh darüber, wenn sie gesagt bekommen, was sie zu tun haben, weil sie intellektuell nicht in der Lage sind ihre persönliche Verantwortung zu erkennen oder diese nur allzu gerne an andere abschieben. Im praktischen täglichen Umgang blieb das Christentum eine Fortsetzung der jüdischen Tempelaristokratie. Der Individualismus im Christentum fasste aber bei den Europäern Fuß und drängte immer wieder zur Auflehnung gegen totalitäre Regime, zum Freiheitsgedanken.

Im Nachhinein ist so auch erklärbar, warum sich 700 Jahre später eine andere monotheistische Religion gebildet hat, die den Individualismus als Fehlentwicklung sah, den Konformismus und Kollektivismus dauerhaft öffentlich zur Schau stellen wollte, und diese Zurschaustellung auch aggressiv einfordert.

Eine neue Religion?

Wenn wir den letzten Gedanken fortführen, stellen wir fest, dass wir der Entstehung einer neuen Religion beiwohnen. Das soziologische Regulativ erinnert mehr an germanische und skandinavische Naturreligionen, in denen man Bäume, Berge, Steine, Flüsse zu heiligen Stätten erklärte. Immerhin sparte man sich damit das Geld für den Tempelbau. Auch in den Naturreligionen bildete sich eine Tempelaristokratie, die ihren Obolus für das Signal dazu zu gehören forderte.

Yggdrasil, der nordische Weltenbaum, heißt heute „Klima“. Das soziologische Regulativ lehnt den Vater als Patriarchen ab, lehnt die Familie als Hort der Gemeinschaft ab, hyperindividualisiert den Menschen und erklärt ihn zugleich als ununterscheidbar voneinander. Diverstity + Equity + Inclusion = DIE. Diese Weltuntergangsphilosophie vereint extremistischen christlichen Individualismus mit extremem islamischem Kollektivismus, wobei noch unklar ist, wer die Verantwortung zu tragen hat.

Die Tempelaristokratie hat sich bereits gebildet und fordert ihren Obolus. Tieropfer, Menschenopfer, oder Geldopfer? Vielleicht von allem etwas. Tiere soll man nicht mehr essen, mit Ausnahme von Insekten. Geld soll man für das Spurengas CO2 bezahlen. Und wenn die geforderte Inklusion Menschenopfer fordert, sei’s drum.

Eine säkularisierte und von zivilisatorischen Traditionen befreite Macht ist nicht durch moralische und religiöse Skrupel eingeschränkt.

Ist das alles zu verwirrend? Ich habe nie behauptet, dass ich mich besser artikulieren kann als Ye (ohne Kan und ohne sus), aber vielleicht lande ich ja einen Glückstreffer 😀 Luisman ist nur ein verrückter alter weißer Mann, der großkotzig auf seinem Blog, den kaum jemand liest, herum blökt.

Wenn ich heute Nacht nicht zu besoffen bin, geht’s morgen weiter mit Teil 3 der Weihnachtsgeschichte. Wünsche Euch allen einen angenehmen Heiligen Abend.

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3 thoughts on “Die Wohlstandsverwalter (2)

  1. Hi luisman! Dein Beitrag ist brillant. Ich habe mich schon wund geschrieben zur ewigen Sinuskurve zwischen Individualismus und Kollektivismus und dem Bezug zur Macht – aber unter dem Aspekt der verschiedenen Religionen habe ich es noch nie so genau betrachtet wie du. – Also bitte nicht zu viel saufen heute und morgen weiterschreiben! – Und wenn du meine Blogbeiträge und ich weiterhin deine lese, dann schrammen wir doch locker am ‘mein Zeugs liest wohl wieder kein Schwein’ vorbei 🙂 – ich empfehle deshalb vor Bescheidenheit triefend zur Lektüre: https://marpa.blog/die-insel-der-ausgestossenen/
    Best
    Christoph

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  2. „Die Tempelaristokratie, inklusive deren Behörden und Polizei lebten von diesen Geschäften vor und in dem Tempel, den Jesus als reinen Gebetsort sehen wollte.“

    Schöne Metapher für unseren Reichstag!

    „Religion ist das soziologische Regulativ eines Volkes. Organisierte Religion bestimmt den Preis des Signals eines jeden, welches er regelmäßig senden muss, um zu bestätigen, dass er dazu gehört.“

    Guter Gedanke, originelle Definition.

    „Das soziologische Regulativ erinnert mehr an germanische und skandinavische Naturreligionen, in denen man Bäume, Berge, Steine, Flüsse zu heiligen Stätten erklärte. Immerhin sparte man sich damit das Geld für den Tempelbau.“

    [So fing’s auch bei den Israeliten an; ‘Jahwe’ war ursprünglich ein Feld/Donner/Wetter Multigott, dessen ‘Präsenz z.B. in einem Stein vermutet wurde. Sie haben einige dieser Stein bei ihren Umzügen mitgeschleppt (Ursprung der ‘Bundeslade’) Moses (mit anderen Kultherrschern der jeweiligen Hochkulturen Meso-Amerikas und Asiens) die Macht und Kontrollfunktion des Glaubens]

    „…Tiere soll man nicht mehr essen, mit Ausnahme von Insekten. Geld soll man für das Spurengas CO2 bezahlen. Und wenn die geforderte Inklusion Menschenopfer fordert, sei’s drum.“

    Hier dringt wieder die jüdische Ur-idee hervor; Israeliten waren die ersten Sozialisten der Geschichte. Es geht ihnen ja nicht um die Ethik, sondern um Kontrolle. Aber während z.B. bei Mao und Pol Pot die Kontrolle und angeordnete Lebensweise das ZIEL selbst war, ist es bei den Juden ihr ENDZEITGLAUBE. Das lässt sich nicht an die restlichen 7 Milliarden verkaufen, also muss das Wohl der bumi bahagia herhalten…

    Das Christentum an sich ist ein ‘Roter Hering’, den man den ‘gentiles’ zu ihrer Organisation und Manipulation hingeworfen hat, uMn.

    Super Artikel, Luismann. Ihren Blickwinkel konnten wir so noch nicht lesen – nachdenkenswert!

    Nochmals: Frohe heidnische Festtage!

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